Zwischen zwei Welten – und warum ich aufgehört habe, mich kleiner zu machen
Es gibt diese Momente im Leben, da merkt man plötzlich:
Man steht nicht am Anfang von etwas.
Man steht mitten drin.
Und trotzdem fühlt es sich an, als würde man gerade erst anfangen, sich selbst wirklich zu sehen.
Ich glaube, ich hatte genau so einen Moment.
Und vielleicht schreibe ich das hier nicht nur für mich, sondern auch für jede Frau, die sich schon mal klein gemacht hat, obwohl sie innerlich längst wusste, dass sie mehr ist.
Mehr kann.
Mehr geleistet hat.
Mehr verdient.
Ich habe zwei Berufe gelernt – und lange so getan, als wäre einer davon „nicht so wichtig“
Ich habe zwei Ausbildungen gemacht.
Erst Mediengestalterin.
Dann Friseurin und Visagistin.
Ich bin im Friseursalon groß geworden.
Meine Mama hatte einen eigenen Laden. Ich war immer mittendrin.
Zwischen Haarspray, Kundinnen-Gesprächen, Dauerwellen, Kaffee, Lockenwicklern und diesem typischen Geruch von Shampoo, Farbe und „hier wird gerade ein Leben erzählt“.
Als kleines Mädchen hab ich dort mit meinen Puppen gespielt - Barbies die Haare geschnitten und meine Haare waschen lassen. Als ich größer wurde habe ich im Salon meine Hausaufgaben gemacht, gelernt und den Kundinnen Kaffee gebracht, in der Hoffnung das ein oder andere Trinkgeld zu ergattern.
Ich glaube, wenn du als Kind in so einem Laden aufwächst, dann ist es fast automatisch:
Du wirst irgendwann auch Friseurin.
Und trotzdem… war da immer noch etwas anderes in mir.
Schon als Teenager wusste ich: Ich will gestalten.
Ich will kreativ sein.
Ich will Dinge erschaffen.
Ich habe ein Praktikum in einem Grafikerbüro gemacht und war sofort infiziert.
Von diesem Gefühl, etwas zu bauen, zu designen, zu erschaffen.
Aus einer Idee ein Bild zu machen. Aus einem Gedanken ein Konzept.
Da war es plötzlich ganz klar:
Ich will nicht nur Haare schneiden.
Ich will gestalten.
Und so bin ich beide Wege gegangen.
Zwei Ausbildungen.
Zwei Richtungen.
Zwei Identitäten.
Zwei Leben in einem Körper
Und vielleicht ist das der Punkt, den viele gar nicht verstehen:
Es ist nicht immer so, dass man nur eine Sache ist.
Manchmal ist man einfach… zwei.
Ich war immer Friseurin.
Und gleichzeitig war ich aber auch die Gestalterin.
Die Künstlerin.
Die, die Formen sieht.
Farben. Proportionen. Licht. Ausdruck.
Aber ich habe jahrelang versucht, mich zu entscheiden.
Als müsste ich mich auf eine Seite schlagen.
Und egal welche Seite ich gewählt habe – ein Teil von mir hat sich immer so angefühlt, als würde er leise an die Tür klopfen und sagen:
„Hallo? Ich bin auch noch da.“
Mein großer Traum: Film und Fernsehen
Eigentlich wollte ich irgendwann hinaus in die Welt.
Als Visagistin arbeiten.
Maskenbildnerin. Film. Fernsehen. Sets. Produktionen.
Das war mein Traum.
So ein richtiger Traum. Nicht so ein „wäre ganz nett“, sondern so ein:
„Das bin ich. Da gehöre ich hin.“
Und dann bin ich Mama geworden..
Und ich möchte das hier ganz bewusst so schreiben:
Es war kein Drama. Kein Bruch. Kein Unglück.
Ich bin nicht die Frau, die sagt: „Mein Leben war vorbei.“
Nein.
Aber ich bin die Frau, die ehrlich genug ist zu sagen:
Ein paar Träume sind in dieser Zeit einfach leiser geworden.
Und manche sind geplatzt.
Nicht, weil ich schwach war.
Nicht, weil ich falsch entschieden habe.
Sondern weil das Leben manchmal Prioritäten setzt, bevor man selbst dazu kommt.
Und plötzlich ist man in einem neuen Kapitel, das wunderschön ist – aber eben auch anders als geplant.
Ich habe weitergemacht. Anders als geplant. Mich selbstständig gemacht, als Friseurin gearbeitet, einen eigenen Laden aufgemacht, Bräute gestylt.
Ich war zufrieden - aber nie ganz erfüllt.
Und irgendwann kam der Moment: Ich will zurück
Zurück nicht zu „früher“.
Nicht zu „dem Leben, das ich hätte haben können“.
Sondern zurück zu mir.
Zu dem Teil, der gestalten will.
Der nicht nur funktionieren will, sondern erschaffen.
Und so fand ich zurück zur Fotografie. Einem leisen Hobby dass ich während meiner Ausbildung zur Mediengestalterin erlernte und seither immer wieder ausübte.
Fotografie war wie Heimkommen.
Plötzlich war alles wieder da:
Komposition. Farben. Ausdruck. Emotion. Ästhetik.
Und plötzlich konnte ich all das verbinden, was ich eigentlich immer war:
Friseurin.
Visagistin.
Gestalterin.
Künstlerin.
Ich mache das alles – und tue trotzdem so, als wäre es nicht viel
Und jetzt kommt der Teil, der weh tut.
Denn obwohl ich heute fotografiere und Shootings mache…
bin ich trotzdem noch die Frau, die sich manchmal klein macht.
Ich style Haare.
Ich schminke Gesichter.
Ich helfe Frauen, sich sicher zu fühlen.
Ich weiß, wie sehr es einen Unterschied macht, ob ein Make-up professionell gemacht ist oder nicht.
Und nein – nicht nur optisch.
Es macht einen Unterschied, wie eine Frau sich im Spiegel ansieht.
Wie sie plötzlich ihren Hals länger hält.
Wie sie sich aufrichtet.
Wie sie auf einmal Raum einnimmt.
Und ja: es macht auch einen Unterschied auf Fotos.
Wenn die Wangenknochen richtig gesetzt sind.
Wenn Kontur nicht „zu viel“ ist, sondern genau richtig.
Wenn der Lidschatten richtig gesetzt ist, im richtigen Farbton - abgestimmt auf den Hauttyp dann strahlen die Augen.
Wenn Schatten nicht verstecken, sondern formen.
Wenn Helligkeit nicht überdeckt, sondern hervorhebt.
Das ist nicht oberflächlich.
Das ist Handwerk.
Das ist Kunst.
Das ist Wissen.
Und trotzdem habe ich mich jahrelang dabei ertappt, diesen Teil von mir zu verstecken.
Als wäre er nicht wichtig.
Als wäre er kein richtiger Job.
Als dürfte ich dafür kein Geld verlangen.
Manchmal habe ich es verschenkt.
Einfach so.
„Ach komm, ich schmink dich schnell.“
Oder ich habe 25 Euro auf die Rechnung gepackt und so getan, als wäre das schon mutig in der Hoffnung die Kundin würde sich nicht beschweren.
Und jedes Mal habe ich mich ein bisschen kleiner gemacht.
Nicht, weil ich nicht wusste, was ich kann.
Sondern weil ich Angst hatte.
Die Angst, die viele Frauen kennen: „Ich will nicht angeben“
Ich glaube, das ist eine der größten Lügen, die wir Frauen irgendwann gelernt haben:
„Sei nicht zu laut.“
„Sei nicht zu stolz.“
„Sei bescheiden.“
„Sei dankbar.“
„Mach dich nicht so wichtig.“
Ich frage mich wer uns das beigebracht hat.
Warum wir immer denken, wir müssen uns entschuldigen, sobald wir gut in etwas sind.
Warum wir Fähigkeiten kleinreden, nur damit niemand denkt, wir wären arrogant.
Warum wir Leistungen verstecken, nur um gemocht zu werden.
Warum wir lieber weniger verlangen, als wir wert sind – nur um nicht „zu viel“ zu sein.
Und warum wir uns selbst oft behandeln, als wären wir ein bisschen weniger wert als alle anderen.
Dabei ist es kein Ego – es ist Wert
Ich glaube, viele verwechseln Selbstwert mit Arroganz.
Aber das ist nicht dasselbe.
Arroganz sagt:
„Ich bin besser als du.“
Selbstwert sagt:
„Ich bin gut in dem, was ich tue. Und ich darf dafür stehen.“
Und genau da liegt der Unterschied.
Es ist nicht angeben, wenn man sich nicht mehr klein macht.
Es ist nicht arrogant, wenn man aufhört, seine Fähigkeiten zu verschenken.
Es ist nicht egoistisch, wenn man sich selbst ernst nimmt.
Es ist einfach… erwachsen.
Es ist Heilung.
Es ist dieses stille „Ich sehe mich jetzt selbst.“
Und vielleicht ist das mein Wendepunkt
Vielleicht ist das hier nicht nur ein Blogbeitrag.
Vielleicht ist das mein Punkt, an dem ich aufhöre, mich zu verstecken.
Ich bin nicht nur Friseurin.
Ich bin nicht nur Fotografin.
Ich bin nicht „ein bisschen kreativ“.
Ich bin ausgebildete Visagistin.
Ich bin Gestalterin.
Ich bin jemand, der Frauen nicht nur hübscher macht, sondern ihnen hilft, sich selbst zu sehen.
Und ich glaube, genau das ist der Punkt:
Es geht nicht darum, dass Make-up „schöner macht“.
Es geht darum, dass es etwas in Bewegung setzt.
Selbstbewusstsein.
Stolz.
Mut.
Und manchmal sogar ein neues Bild von sich selbst.
Ich will damit aufhören, meine Leistung zu verschenken
Ich will aufhören, mich selbst kleiner zu machen, nur um niemanden zu stören.
Ich will aufhören, meine Fähigkeiten wie ein „Extra“ zu behandeln.
Ich will ihnen Raum geben.
Und Wert.
Und ja – auch einen Preis.
Nicht, weil Geld alles ist.
Sondern weil Geld ein Statement ist.
Ein Statement dafür, wie sehr ich mich selbst respektiere.
Und vielleicht ist das die größte Veränderung:
Nicht, dass ich plötzlich etwas Neues kann.
Sondern dass ich endlich anfange, zu akzeptieren, was ich längst kann.
Und vielleicht liest du das gerade und erkennst dich wieder
Vielleicht bist du auch so eine Frau.
Eine, die viel kann.
Eine, die viel gegeben hat.
Eine, die immer wieder gedacht hat: „Ach, das ist doch nicht so wichtig.“
Du bist nicht „zu viel“.
Du bist nicht „eingebildet“, wenn du deinen Wert kennst.
Und du musst dich nicht verstecken, nur damit andere sich wohl fühlen.
Vielleicht ist es Zeit, dass wir damit aufhören.
Nicht irgendwann.
Jetzt.
Und an dieser Stelle.
Danke..
Danke an dich Mama - Danke, dass du mir schon so früh gezeigt hast, was es bedeutet, als Frau für sich selbst einzustehen. Für die eigenen Bedürfnisse. Für den eigenen Wert. Für das eigene Talent.
Dass man kämpfen darf. Dass man laut sein darf. Dass man nicht warten muss, bis jemand einem die Erlaubnis gibt.
Auch wenn es manchmal hart war. Auch wenn dein Weg oft steinig war.
Du bist ihn gegangen. Und du hast mich mitgenommen – egal wie oft ich abgebogen bin, gezweifelt habe oder wieder von vorne anfangen musste.
Und danke an dich Papa - Danke, dass du mich begleitet hast und bis heute begleitest – auf deine ganz eigene, stille Art.
Dass du mir immer wieder zeigst, wie stolz du auf mich bist, ohne große Worte, aber mit echter Präsenz.
Und vor allem danke, dass du so oft einfach da warst.
Dass du dich so selbstverständlich um die Kinder gekümmert hast.
Dass du mir den Rücken freigehalten hast, damit ich weitergehen konnte. Damit ich mir treu bleiben konnte.
Damit ich nicht aufhören musste, ich zu sein.
Und genau das ist Unterstützung, die man nicht oft genug würdigen kann.
Danke an dieser Stelle an all die Fotografinnen und Fotografen
(Claudia Ebeling, Tine Kirchmeyer, Martin Holzner, Serena Morandi, Simon Gehr, ich hoffe ich habe niemanden vergessen) die all diese wichtigen Momente von mir festgehalten haben.
Und natürlich Danke liebe Mona du großartige Fotografin - die mir dabei hilft mich sichtbar zu machen.